Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken
» » » Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche « « «
Neue Solidarität
Nr. 17, 23. April 2020

– Gastkommentar –

Wie und warum ist China mit dem Ausbruch
der Corona-Pandemie fertiggeworden?

Von Liu Jian,
Mitbegründerin der ICHI-Stiftung, Beijing

Was wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, ist wie ein Traum, der jetzt im Rückblick nicht mehr so real erscheint. Am 23. Januar, dem Tag vor dem chinesischen Neujahrsfest, wurden die Menschen, die das neue Jahr zu feiern gedachten, von dem plötzlichen Ausbruch des Virus schockiert. Wuhan, eine Megastadt mit 11 Millionen Einwohnern, wurde von der Regierung für geschlossen erklärt, Angst und Unruhe erfaßte schnell das ganze Land.

Nach den Vorgaben der Regierung sagten die Menschen ihre Reisen und Familienzusammenkünfte zu Neujahr ab, blieben nach den Vorschlägen der Experten in ihren Wohnungen und verfolgten die Nachrichten immer wieder mit Sorge. Normalerweise gibt es während des chinesischen Neujahrs vier Milliarden Reisen, von denen 70% bis auf weiteres abgesagt wurden.

Die Regierung organisierte schnell Kräfte, um innerhalb von etwa zehn Tagen zwei Krankenhäuser für Infektionskrankheiten zu bauen, und bald wurden Dutzende provisorische Krankenhäuser fertiggestellt.

Ein Flugzeug nach dem anderen brachte medizinisches Personal aus dem ganzen Land nach Wuhan, schließlich nahmen mehr als 40.000 medizinische Mitarbeiter aus anderen Provinzen an dem Krieg gegen die Epidemie teil.

Unternehmen aller Art im ganzen Land gingen schnell dazu über, 24 Stunden am Tag zu arbeiten, um die Produktion von Materialien zur Epidemieprävention auszuweiten. Logistikunternehmen zogen ebenfalls mit, um sicherzustellen, daß die notwendigen Güter schnell an die Front transportiert werden konnten. Auch die Armee entsandte Flugzeuge, Fahrzeuge und Personal, um sich an der materiellen Unterstützung zu beteiligen.

In Wuhan nahmen zahlreiche Staatsangestellte, Polizisten und Freiwillige an der Arbeit zur Epidemieprävention teil. Als die Stadt in den Pausenmodus wechselte und sich komplett abschaltete, taten sie ihr Bestes, um sicherzustellen, daß Lebensmittel und andere Gegenstände des tägliches Bedarfs rechtzeitig an jeden der in Quarantäne befindlichen Haushalte geliefert werden konnten. Das ist eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern. Stellen Sie sich diese Szene vor!

Während in Wuhan eine große Zahl von medizinischen Mitarbeitern im Wettlauf gegen die Zeit Leben retten mußte, wurden unter Chinas einzigartigem politischen System auch Präventions- und Isolationsmaßnahmen für jede Pore des Landes und für jeden einzelnen durchgeführt. Menschen scherzten in den sozialen Medien, sie hätten nicht gedacht, daß sie dem Land einen Dienst erweisen können, indem sie zuhause sitzen und nichts tun.

Dank der leidenschaftlichen Anstrengungen aller stellten sich bald Ergebnisse ein: Immer mehr Patienten erholten sich und wurden aus dem Krankenhaus entlassen, und es wurden immer weniger neue Fälle gemeldet.

Schließlich gibt es, nach mehr als 50 Tagen des Kampfes, keine neuen Fälle mehr im Land. Dies ist eine große Schlacht, an der alle 1,4 Milliarden Chinesen teilgenommen haben.

Allerdings zeichnen sich neue Herausforderungen ab. Da immer mehr Menschen aus anderen Ländern zurückkehren, nimmt die Zahl der Patienten wieder von Tag zu Tag zu, und die leicht entspannten Nerven der Menschen beginnen sich wieder anzuspannen.

Die zuständigen Stellen sind aktiv dabei, die Situation zu bewältigen. Ich glaube, daß wir in diesem Kampf gegen das Virus den endgültigen Sieg erringen können.

Die kulturellen Wurzeln

Dies alles hat tiefe kulturelle Wurzeln. Es gibt hier mehrere Grundbegriffe, die im chinesischen Kontext eine völlig andere Bedeutung haben [als im Westen].

Zunächst einmal setzt sich das Wort „Land (国家)“ im Chinesischen aus zwei Wörtern zusammen: „Land (国)“ und „Heim (家)“, was bedeutet, daß das „Land“ die „Heimat“ all seiner Menschen ist – alle sind Teil derselben großen Familie. Nur wenn die Sicherheit der großen Familie gewährleistet ist, besteht Hoffnung auf die Sicherheit der kleinen Familien. Dies ist ein Konzept, das jedem Chinesen tief in den Genen steckt. Nationale Interessen stehen über individuellen Interessen. Es gibt in der chinesischen Kultur sogar noch ein anderes Wort, „eine Familie in der Welt“, was bedeutet, daß die ganze Welt eigentlich eine große Familie ist. Daher müssen wir aus chinesischer Sicht auch alles tun, um anderen Ländern mit schweren Ausbrüchen der Epidemie, wie dem Iran, Italien und Spanien, zu helfen.

Zweitens ist die Kommunistische Partei Chinas keine Partei im westlichen Sinne. Sie ist keine Partei, die nur für das Gruppeninteresse streitet, sondern ein Team von Experten, die sorgfältig ausgewählt wurden und im Wettbewerb um die Führung des Landes und den Dienst am Volke stehen. Vor hundert Jahren brach im alten China alles zusammen. Viele Menschen kamen in den Westen, um nach einem Rettungsplan zu suchen. Sie führten den Begriff der Partei ein und bildeten die sogenannte Partei. Doch seit der Antike bis 1921 war das Wort „Partei“ im chinesischen Kontext immer ein negatives Wort gewesen. Es stand für das Eigeninteresse kleiner Gruppen und wurde vom Konfuzianismus verachtet. Heute steht „Partei“ gewöhnlich für die Kommunistische Partei Chinas. Ich möchte jedoch sagen, daß der Begriff „Partei“ nur ein Anzug ist, der nach westlichem Muster geschneidert ist und den ein Führungsgremium trägt, das vom Konfuzianismus geleitet ist. Deshalb handelt es sich um ein völliges Mißverständnis, wenn die Menschen in den westlichen Ländern das Ein-Parteien-System in China als Diktatur der Kommunistischen Partei verstehen.

Was schließlich das öffentliche Eigentum anbelangt, so praktiziert China ein grundlegendes Wirtschaftssystem, in dem das öffentliche Eigentum die Hauptrolle spielt und zusammen mit der Privatwirtschaft das Land entwickelt. Staatliche Unternehmen sind nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf die Maximierung des sozialen Nutzens ausgerichtet, so daß im Falle einer Krise die Ressourcen schnell mobilisiert werden können. Tatsächlich existiert Chinas auf öffentlichen Besitz gestützte Wirtschaft seit mehr als 2000 Jahren. Im Jahr 120 v. Chr., in der Han-Dynastie, fand eine große Debatte zwischen hohen Regierungsbeamten und Experten und Gelehrten statt, an der mehr als 60 Personen teilnahmen. Die Debatte dauerte fünf Monate. Das Thema der Debatte war, ob Salz und Eisen als wichtige Materialien in öffentlichem oder privatem Besitz verwaltet werden sollten. Die Schlußfolgerung war, daß das öffentliche Eigentum beibehalten, aber eine angemessene privatwirtschaftliche Beteiligung erlaubt werden sollte.

Das heutige China, das einer mehr als 5000 Jahre langen Geschichte entstammt, trägt seine kulturellen Gene tief in sich. Um zu verstehen, was im Wuhan-Feldzug geschah, ist es daher sehr wichtig, die Bedeutung dieser drei Schlüsselwörter im chinesischen Kontext zu verstehen.


Der Ichi Fund (http://www.ichifoundation.org) ist eine gemeinnützige, in Norwegen registrierte Organisation. Ihr Ziel ist es, die Zusammenarbeit in Bildung und Kultur in den Ländern, die sich an der Neuen Seidenstraße (Belt and Road) beteiligen, zu befördern. Frau Liu Jian, Mitbegründerin der Ichi-Stiftung, schrieb diesen Gastkommentar für die BRIX-Webseite in Schweden (https://www.brixsweden.org), wo er am 21. März veröffentlicht wurde.